News / 01.11.2010

Nachhaltigkeit und Design in 12.000 km Entfernung

 
Nachhaltigkeit und Design in 12.000 km Entfernung

Jedes Jahr schreibt das Bildungs-und Entwicklungshilfeprogramm ASA Stipendien aus, auf welche sich Studenten für ein 3-monatiges Projektpraktikum in einem Entwicklungsland bewerben können. Als ich 2009 davon hörte, dass im Bereich Produktdesign ein solches Projekt geplant ist, bewarb ich mich umgehend, nicht nur um Auslandsserfahrung zu sammeln, sondern auch um den Inhalt des Projekts aktiv mitzugestalten, solange es noch in der Entwurfsphase war. Schlussendlich lautete der Titel "Recyclendes Design in Visayas und Mindanao". Die Visayas sowie Mindanao sind Inselregionen auf den Philippinen, einem Archipel, das aus über 7.000 Inseln besteht, demographisch aus allen Nähten platzt und trotz gewisser Fortschritte mit zahllosen wirtschaftlichen, gesundheitspolitischen und sozialen Problemen zu kämpfen hat. In der Entwicklungspolitik ist der Begriff "Schwellenland" gebräuchlich, wobei wir schon in den Vorbereitungsseminaren des Projekts, eine vorgeschaltete Bildungsmassnahme der ASA, die Problematik solcher Kategoriebegrifflichkeiten eingeimpft bekamen.

Bis zum Tag meiner Ankunft in Cebu City hatte ich mir zwar länderkundliches Wissen angeeignet, aber die frühen Erfahrungen mit sozialem und ökologischem Elend vor Ort ließen sich dann doch nicht gänzlich vorausahnen. Tatsächlich merkte ich später, dass der Kulturschock zu Beginn und die Wahrnehmung dieser Extreme mir im Umgang mit den Einheimischen halfen. Als ich das erste Mal mit Handwerkern in Kontakt kam, mit Kleinbetrieben und Kleinstunternehmern, war mir bewusst, dass sie nicht annähernd den selben Hintergrund haben konnten wie ein durchschnittlicher europäischer Maschinenbaubetrieb oder Produktentwickler. Dieses Wissen half mir, vor allem in der Kommunikation.

Im Projekt war ich relativ flexibel, da es zunächst auf eine Marktanaylse ankam. Wie kann man den Menschen nachhaltig helfen, wie kann man Nachhaltigkeit vermitteln bei solchen, die deutlich unmittelbarer ums überleben kämpfen als wir es je taten? Nachhaltigkeit soll kein Luxusproblem sein, dachte ich. Ich suchte nach Ideen, die sich von dem marktschreierisch angepriesenen Plastikramsch in den überfüllten Innenstadtpassagen abheben.

In der Praxis schließlich arbeitete ich an mehreren Baustellen gleichzeitig. Einmal saß ich am Schreibtisch und zeichnete. Ich entwickelte Produkte aus lokalem Bambus und experimentierte mit ihnen herum, verbesserte sie und hoffte darauf, dass mit entsprechendem Markteintritt die Einnahmen des Betriebs steigen werden, der bloß Ungelernte beschäftigt und ständig am Rand zur Geschäftsaufgabe steht. Ein andermal zog ich mich sauber an und hielt Vorträge an Designhochschulen in Manila und Cebu, weil jemand davon gehört hatte, dass ich nachhaltiges Design in Deutschland studiere und dieses Thema dort gerade groß im Kommen sei. Ein drittes Mal beriet ich über die Existenzgründung eines Kleinbetriebs aus einer Armensiedlung, der sich mit recycleten Taschen aus Werbebannern einen Namen machen wollte. Meine rudimentären Kenntnisse in Kommunikationsdesign halfen mir hier ebenso wie meine Meinung zur Nachhaltigkeit.

Nachdem ich schliesslich viele Optionen hatte und mich auf einige wenige beschränken musste, denn 3 Monate sind deutlich weniger als man denkt, wusste ich, dass die Veränderungen im Kleinen beginnen, im Detail der Sache. Ich verhindere mit meiner Expertise ad Hoc keine Wasserverseuchung und keine Slumbildung. Der konsequente Ansatz schafft aber Bewusstsein, und alle, mit denen ich auf den Philippinen gearbeitet habe, kennen den Grund meiner Arbeit und können in Zukunft neue, freie Entscheidungen treffen. Eine extrem wertvolle Erfahrung. Ich habe nicht einen noch so anstrengenden Tag in Cebu City bereut.

Ingo Wick

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